Eine stadtbürgerliche Verpflichtung | Was ich von Kanonikus Wolfsgruber lernen durfte

Anfang der Neunziger-Jahre schrieb ich im „Brixner“ einen Artikel zur Stadtentwicklung und ging darin auch auf die erhoffte Öffnung des Hofburggartens ein. In jugendlichem Überschwang fiel mir gar einiges ein, was man mit dem Areal machen könnte.

Ein paar Tage nach dem Erscheinen des Artikels klingelte das Telefon und am anderen Ende der Leitung meldete sich der damalige Direktor der Hofburg, Brixens geschätzter Ehrenbürger Kanonikus Wolfsgruber. Er bat mich zu einem Gespräch und ich leistete seiner Einladung gerne Folge.

Das rund dreistündige Gespräch mit dem großen Brixen-Freund Wolfsgruber wurde zu einem zentralen Ereignis in meinem Leben, denn ich konnte nicht nur von einen großen Kunsthistoriker lernen, sondern auch die Begeisterung und Hingabe erleben, mit der Kanonikus Wolfsgruber ein Leben lang zu Werke gegangen war, als Landeskonservator genauso wie als Hofburgdirektor, als Priester genauso wie als Mensch. Dabei war er nie arrogant oder in irgend einer Weise autoritär, sondern von einnehmender Höflichkeit, die von der Stichhaltigkeit seiner brillanten Argumentationsführung und Wolfsgrubers erkennbarer Liebe zu den Menschen und zu schönen Dingen untermauert wurde.


Ein großer Brixner: Ehrenbürger Kanonikus Karl Wolfsgruber.
Ihm habe ich wichtige Erkenntnisse zu verdanken

Dr. Wolfsgruber legte mir zunächst dar, wie nach der Übersiedlung des Bischofs nach Bozen nach einer neuen Zweckbestimmung der renovierungsbedürftigen Hofburg gesucht wurde und man beschloss, dort das Diözesanmuseum einzurichten. Dann erläuterte er mir, welche Schätze im Museum und im umfangreichen Hofburgarchiv lagern und kam auf die vielen kleinen und großen Schritte zu sprechen, die ihm über die Jahre gelungen waren und die – in enger Zusammenarbeit mit zwei weiteren großen Brixner, Bürgermeister Giacomuzzi und Architekt Barth – zur Wiedergewinnung des historischen Ensembles der fürstbischöflichen Residenz geführt hatten.

In der Tat ist die fürstbischöfliche Residenz mit der Hofburg, den Nebengebäuden, dem Herrengarten und dem Obstgarten im Süden die letzte Barock-Residenz Mitteleuropas, die in ihrer gestalterischen und funktionalen Integrität erhalten geblieben ist, bzw. durch den Einsatz von Dr. Wolfsgruber wiedergewonnen werden konnte.


Es war das Lebenswerk von Karl Wolfsgruber, das historische Ensemble der fürstbischöflichen Residenz zu erhalten, bzw. wieder zu gewinnen. Brixen hat davon nachhaltig profitiert

Nach dieser packenden und brillant vorgetragenen Einführung kam Dr. Wolfsgruber auf sein Hauptanliegen zu sprechen. Er verstehe das Anliegen, den Hofburggarten zu öffnen und für die Bürgerschaft nutzbar zu machen, müsse aber aus denkmalpflegerischer Sicht davor warnen, den Hofburggarten so zu behandeln, wie andere Flächen auch. Man dürfe, beschwor er mich, den Hofburggarten nicht Nutzungen unterwerfen, die ihn seiner Funktion als historischer Obstgarten berauben würden, weil er ein wichtiger und integrierender Bestandteil des mühsam wieder zusammengefügten Ensembles der fürstbischöflichen Residenz sei.

Anhand von Beispielen aus Innsbruck, Salzburg und Wien führte Wolfsgruber mir vor Augen, was passiert, wenn die Gärten und Grünanlagen rund um die Hofburg erst einmal einer „modernen“ Nutzungslogik unterworfen werden: Erst kommt ein Weg, dann ein Café, dann eine Straße, ein paar Strukturen. Die Begehrlichkeiten am Rand der „Toplage“ wachsen, schließlich müssten sich die Städte ja auch weiter entwickeln und schon sei das Areal unrettbar verloren, das gewachsene historische Ensemble zerstört und ein Stück weit auch entseelt.

Ich bin Dr. Wolfsgruber danach noch oft begegnet und habe mich immer über seine aufmerksame Güte gefreut. Und immer habe ich seither seine mahnenden Worte in Erinnerung, vorsichtig mit dem Hofburggarten umzugehen. Für mich ist das eine wichtige und stadtbürgerliche Verpflichtung.

Wenn es uns gelingt, den Hofburggarten von den Eventokraten und massentouristischen Ausbeutern ohne Gewissen und – noch schlimmer! – ohne Wissen zu bewahren, wenn wir es schaffen, den Obstgarten in einen Streuobstbestand mit alten und neuen Obstsorten aus dem ganzen Alpenraum „zurück“ zu verwandeln und zugänglich zu machen, dann leisten wir damit nicht nur einen wichtigen Beitrag für die Lebensqualität der Brixner und ihrer Gäste und erhalten wichtige Naturschätze für kommende Generationen, sondern wir führen ein Lebenswerk fort, das Brixen zu einem kunsthistorischen Juwel nach dem Maß des Menschen gemacht hat: Das Lebenswerk des großen Brixners Karl Wolfsgruber.

Markus Lobis

markus@lobis.it

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