Der Garten der Bischöfe | Artikel in der NSTZ vom 29.10.2010 von Waltraud Kofler Engl

Einzigartige Zeugnisse Europäischer Gartengeschichte.

Südtirol ist auf den ersten Blick nicht das Land der großen Gärten und Parkanlagen. Eine nähere Betrachtung zeigt jedoch, dass sich zahlreiche bedeutende Zeugnisse historischer Gartenkunst erhalten haben. Schloss,- Kloster-, Villen-,  Hausgärten, Promenaden und öffentliche Grünanlagen, gehören wesentlich zum kulturellen Erbe und sind – nicht weniger bedeutend als Bau – und Kunstwerke – sprechende Zeugnisse des Kulturverständnisses der jeweiligen Zeit. Die Gärten der Fürstbischöflichen Hofburg in Brixen haben neben jenen des Stiftes Neustift historisch, ästhetisch und aufgrund ihrer vollständigen unverbauten Erhaltung europäische Bedeutung.

Ihr weltliches und geistliches Repräsentationsbedürfnis bewog  die Fürstbischöfe im 16. Jahrhundert zum Ausbau der Hofburg zur Renaissanceresidenz nach dem Vorbild italienischer Fürstenhöfe. Zu einer solchen Anlage gehörten neben den Wohn- und Gesellschaftsräumen nicht nur ein repräsentativer Mittelhof mit Loggiengängen und ein Theater, sondern wesentlich auch ausgedehnte Gärten. Höfische Zier- und Lustgärten standen in nicht zu trennendem  funktionalen und ästhetischen Zusammenhang mit den Küchen- und Baumgärten für die Versorgung mit Obst, Gemüse und Kräutern.

Während sich der Baumgarten bereits im Mittelalter an der Südseite der Hofburg befand, wurde der nach italienischer Manier gestaltete Lust-  und  Ziergarten (Herrengarten) an der Nordseite der Hofburg zwischen Wassergraben, Stadtmauer, dem Stadttor (Kreuztor) und dem späteren Neugebäude gesetzt. Er zeigt in seiner Gestalt mit vier regelmäßig angelegten Beeten um einen zentralen Brunnen mit Bronzeschale die klassische Gestaltung der Renaissancezeit. Kardinal Christoph von Madruzzo und sein Coadjutor, der spätere Bischof Johann Thomas von Spaur  ließen ihn um 1570 vom Hofbaumeister Johann Jakob de Quadria anlegen. Dieser verrechnete 1576 die baulichen Maßnahmen. Zum Garten gehörte, wie zu anderen Residenzgärten der Zeit, ein Fischkalter (Becken für die Fischzucht) am Wassergraben, ein Sommerhaus, eine Voliere für die Haltung von Vögeln und eine Orangerie (Pomeranzenhaus) für die Überwinterung nicht winterharter Topfpflanzen, wie Pomeranzen, Zitronen, Lorbeer und Zypressen. Das nicht mehr erhaltene Sommerhaus war durch einen hölzernen Säulengang mit der Hofburg verbunden, für den der Drechsler Georg Oberwanger Säulen und Deckenrosetten lieferte. Die Maurerarbeiten führte Stefan von Valcamonica, die Tischlerarbeiten Georg Zoppolt von Brixen aus. Eine malerische Ausstattung ist für 1650 durch Stefan Kessler bezeugt. Die ehemalige Voliere im Nordwesteck des Gartens wurde laut Jahreszahl über dem Zugang ebenfalls 1570 errichtet. Die Wandflächen im Inneren waren mit lebensgroßen Figuren und Dekorationen bemalt, wie die erst in diesem Jahr getätigten Neufunde zeigen. Ein Inventar von 1625 erwähnt in der daran anschließende Orangerie 35 Pomeranzengeschirre, 4 Lorbeertöpfe, 2 Zypressen und einen Ofen für die Beheizung im Winter. 1668 werden sogar 100 hölzerne Gartengeschirre angeführt. Für die Wertschätzung der Fürstbischöfe gegenüber den Hofgärtnern spricht die Verleihung eines Wappens an Paul Schachner, im Jahre 1631.

Im 20. Jahrhundert war die Fläche als Gärtnerei verpachtet und nicht mehr von der Hofburg genutzt worden. Nach dem Auszug der Gärtnerei in den späten 1980er Jahren gelang in Zusammenarbeit von Landesdenkmalpflege und Bischöflicher Mensalverwaltung die Wiederherstellung des Herrengartens. Ein aquarellierter Bestandsplan des gesamten Hofburgareals von Anton M. Engl von 1831 und der noch vorhandene Brunnen waren dabei elementare Orientierungshilfen. Da zur Pflanzung keine historischen Angaben vorhanden waren und die Interpretation des Planes von 1831 für eine Kombination von Nutz- und Zierpflanzen im Stile des Biedermeier sprach, wurden die innenliegenden Beete in dekorativen Reihen mit Kräutern und Gemüse und die rahmenden Rabatten mit Rosen und anderen Zierpflanzen besetzt. Nach der Rekonstruktion übernahm  die Stadtgemeinde Brixen 1992 den Garten in Pacht und Pflege und machte ihn öffentlich zugänglich.

Der Baumgarten (Pomarium), bereits außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer südlich der Hofburg gelegen, wird zeitgleich mit dem Umzug des Bischofs Bruno von Kirchberg vom alten Bischofspalast neben dem Dom in die befestigte Burg an der Südwestecke der Stadt 1265 erstmals erwähnt. Er diente dem bischöflichen Haushalt zur Versorgung mit Obst und dürfte damals bereits das heutige Ausmaß gehabt haben und mit Sicherheit ummauert gewesen sein. Die älteste Ansicht, ein Aquarell von M. Burgklechner (um 1590), zeigt den Garten mit Ummauerung, im Südosten und im Südwesten jeweils einen doppelgeschossigen Eckturm mit Kegeldach, einen Bogenzugang vom Süden und den Wassergraben entlang der Stadtmauer und der Südfassade der Hofburg im Norden. Die Gartenflächen haben eine unregelmäßige Bepflanzung mit hochstämmigen Obstbäumen. Wie sich am äußerst detaillierten Stich von M. Merian von 1649 sowie an zahlreichen Ansichten des 17., 18. und 19.Jahrhunderts, am Plan von 1831 und am erhaltenen Bestand nachweisen lässt, zeugen Grundriss, Ummauerung, Ecktürme, Zugang, Wassergraben und Streuobstpflanzung in ihrer Grunddisposition von einer in Europa einzigartigen Kontinuität der Gartenanlage vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wird eine heute noch vorhandene  umlaufende Weinlaube und an der Nordmauer ein Glashaus errichtet. Die derzeitige Apfelplantage hat zwar die historische Pflanzung verdrängt, den Gesamtcharakter jedoch nicht verändert. Es ist davon auszugehen, dass die Umfassungsmauern und die Eckpavillons immer wieder instandgesetzt und, wie die Hofburg auch, der Mode der Zeit entsprechend überformt wurden (ein Pavillon im nordöstlichen Bereich und das Gartenhaus im Nordosteck sind im 18. und 19. Jahrhundert hinzugekommen); wesentliche Veränderungen der gartenarchitektonischen Elemente, der Funktion und der Bepflanzungsart sind nicht zu verzeichnen. Die Umfassungsmauer und die zweigeschossigen turmförmigen Pavillons gehen auf den Umbau der Hofburg zur Renaissanceresidenz im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts zurück. Sie wurden laut Hofkammerrechnungen schon damals mit Malereien ausgestattet und dienten dem sommerlichen Aufenthalt der Mitglieder und der Gäste des Bischöflichen Hofes, waren Orte der Unterhaltung und Erholung abseits des Arbeits- und Repräsentationsalltags. Ihre heutige Baugestalt mit Pagoden- und Kuppeldach, die dekorativen Malereien im Inneren sowie die Bezeichnungen Chinesischer und Japanischer  Turm erhielten sie unter Fürstbischof Lodron im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Zeitgleich zur Ausstattung des Chinesischen Kabinetts in der Hofburg mit gemalten Tapeten von Franz Altmutter im Stile der Chinoiserien zog die in Europa längst verbreitete Chinamode auch in die Gärten der Brixner Hofburg ein und stand für die Sehnsucht nach fernöstlichen „heilen Welten“. Räume mit Chinoiserie- Dekorationen fanden von Frankreich ausgehend in Schlössern, Landsitzen, Gartenpalais und zunehmend auch in adeligen und bürgerlichen Stadthäusern Eingang und blieben bis ins 19. Jahrhunderts in Mode. In Bozen hat sich im Stadtpalais der Menz ein Zimmer mit Chinoiserien aus der Zeit um 1784 erhalten, in Brixen die Ausstattung eines Turmzimmers im nahegelegenen Stadthaus Scheuchegg. Das gewölbte Mittelgeschoß des restaurierten Japanischen Turms wurde mit Grünmalereien ausgemalt. Floreale Motive, Füllhörner, Muscheln, Medaillons und das Wappen Lodrons in der gemalten Scheinkuppel im Gewölbescheitel geben dem Raum die sommerlich-heitere Atmosphäre einer kühlen Laube. Im Obergeschoß öffnet sich der Raum über einer gemauerten Brüstung zwischen rot lackierten Rundsäulen zum Garten. Die Decke ist mit perspektivisch illusionistischen Architekturmotiven und  zentraler Scheinkuppel bemalt. Die spitzbogige Tür mit durchbrochenem Oberlicht zitiert neugotische Dekorationsformen. Mit dem nicht mehr erhaltenem Sommerhaus im Herrengarten, der dortigen Voliere und Orangerie sind die Pavillons im Baumgarten wesentliche Elemente der Ausstattung der fürstbischöflichen Gärten und gehören zu den selten erhaltenen historischen Gartengebäuden im Lande.

Der einzigartige Denkmalcharakter des Baumgartens liegt in seinem  Zusammenhang mit dem Gesamtensemble der Fürstbischöflichen Hofburg, in seiner Funktion mit Versorgungscharakter als bewusst gesetzte und gestaltete Ergänzung zum repräsentativen Lust- und Ziergarten und in den gartenarchitektonischen Raritäten wie dem Chinesischen und Japanischen Turm, dem Pavillon und Gartenhaus. Einzigartig und vom gebauten Ensemble untrennbar, ist seine Kontinuität an Funktion, Gestaltung und Obstbaumpflanzung vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.

Bei einer geplanten Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit sind diese Denkmalwerte die Grundlage für die Nutzung, funktionale und gestalterische Veränderungen müssen hinter die Denkmalqualitäten zurücktreten. Historische Gärten sind lebende Kulturdenkmale zwischen Natur und Kunst, ihre architektonischen und pflanzlichen Elemente eine Einheit.   

Waltraud Kofler Engl

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Ein Kommentar zu „Der Garten der Bischöfe | Artikel in der NSTZ vom 29.10.2010 von Waltraud Kofler Engl

  1. Liebe Waltraud,

    sehr schöne geschichtliche Nachzeichnung, doch hast du mir darüber hinaus auch von der kultursoziologischen Nutzung erzählt, die weit über den Baumgarten als Rohstofflieferant hinausging, wovon ja die eingestellten Luxusbauten auch zeugen. Zwar deutest du dies in deinem Artikel an, doch wäre es schön, hierzu noch etwas mehr zu erfahren. Zudem würde mich noch die Stellung des Brixner Baumgartens im europäischen Vergleich interessieren, zumal dies im westlichen Denken wesentliches Wertkriterium ist. Die Frage ist nämlich, ob sich die Nutzungs- und Funktionserzählungen solcher Baumgärten noch an vielen anderswo erhaltenden Gärten festmachen können oder ob es nur noch wenige Relikte gibt. Denn mit dem Baumgarten in seiner ursprünglichen (oder nahezu ursprünglichen, weil nachgebauten) Form verschwindet auch die Möglichkeit einer unmittelbaren, intuitiv erfassbaren Erzählung von Funktion, Nutzung und überhaupt Umgang mit derartigen Gebilden. Eine Reduktion des gesamten Gebildes auf die Kunstbauten reduziert den Baumgarten auf das, was seinen Kunstwert ausmacht, was immer das im Detail ist. Die soziale Einbindung dieser Bauten in eine Gesamterzählung und damit die Gesamterzählung selbst würde verloren.

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